Das ganze Jahr über gibt es die harten Kämpfe in der Branche, aber gerade in Essen wird es vielen nochmal deutlich. Aber um es genauer zu verdeutlichen gibt es erst mal ein paar Artikel als Lesebefehl um in das Thema tiefer einzusteigen. Es tut mir leid, wem das zu viel zum lesen wird. Ich hänge ja nochmal 2000 Wörter dran.
- TricTrac mit Essen 2011: Vorne hui
- TricTrac mit Essen 2011: Hinten pfui
- Reich der Spiele mit Spielemesse: Es knirscht im Gebälk
- Reich der Spiele mit Die sich drehenden Spiele im Ladenregal
Alles gelesen? Dann können wir mal etwas eintauchen.
Problem der Masse
Die große Menge der Spiele wird von vielen als Problem erfasst. Aber ist es wirklich nur ein Problem, der Wahrnehmung. Einige schwelgen noch in den goldenen Zeiten, wo der gesamte Jahrgang erfassbar war, aber waren das wirklich die goldenen Zeiten?
Es gibt die unterschiedlichsten Spieler, die verbissenen, die Grübler, die Bauchspieler, die ungern-Spieler, die Gruppenspieler, die was-auch-immer-Spieler und für jeden gibt es ein Spiel. Während der Freak also nach den seltenen Schätzen jagt, ist die Familie mit der Haushaltskost bei Ravensburger, Schmidt, Amigo oder Kosmos glücklich.
Und genauso wie einer Siedler als glückslastiges Würfelspiel empfindet wo er auch auf die Gnade der Mitspieler angewiesen sein kann beim tauschen, so gibt es den Spieler, der nach 100 Runden Monopoly auf einmal eine neue Welt entdeckt mit den Siedlern und das Hobby für sich erobert.
Dies zeigt sich schon in der Art wie bestimmte Stände frequentiert werden. Während die vier großen Verlage mit ihren vermutlich größten Ständen der Messe immer noch Spieler auf dem Boden sitzen haben, ist der Andrang bei vielen kleinen Verlagen, zwar auch groß aber nur in der Proportion gesehen.
Der Blick auf die finale Scout-Tabelle der Fairplay zeigt auch wie unterschiedlich die Spieletypen sein können. Dungeon Fighter erhält fünf Mal die Note 6, kommt aber auf Grund der Masse von über 40 besseren Noten immer noch auf einen Durchschnitt von 2,75. Das klingt doch ordentlich.
Früher gab es für jeden Typ Spieler nur ein oder ein paar Spiele. Inzwischen ist es für jeden eine große Auswahl. Er kann tatsächlich wählen. Auch wenn es sehr viele überfordert wählen zu müssen.
Ist das was Schlechtes? Ich finde nicht.
Problem des Preises
Viele Spiele werden schnell verramscht. Aber was bedeutet es wenn Spiele rausgehauen werden. Waren sie vorher zu teuer? Ich weiß das nach zehn Jahren so ein Vergleich nicht mehr stattfinden sollte, aber die Umstellung auf den Euro hat auch im Spielemarkt Geld reingebracht.
Vorher hat ein gut ausgestattete Spiel 50 DM gekostet. eine kleine Schachtel 20 DM. Schon kurz danach wurden für viele Spiele 30 bis 40 Euro verlangt. Und die opulent ausgestatten auch mal 50 bis 60 Euro. Mit solchen Zahlen rechnen viele noch im Kopf. Bin ich bereit 120 DM für ein Spiel auszugeben. Bereinigt durch Inflation wären es heute wohl nur 80 DM, aber immer noch ist das ein großer Unterschied. Früher hat man dann mal einen Restposten für 5 DM gefunden. Heute sind die Restposten bei 10-15 Euro, dafür aber auch gleich eine Riesenauswahl.
Auf der anderen Seite bieten viele Verlage aus dem Ausland Ihre Spiele meist teuer an und können sie doch nicht immer mit derselben Qualität produzieren. Es liegt halt an den Produktionsmengen. LudoFact und Meijia können bessere Preise machen, wenn die Maschinen besser ausgelastet sind, also wird hier die Konkurrenz verdrängt. Höhere Auflagen bringen auch bessere Produktionspreise. Aber wird man die Spiele dann auch in der Auflage los?
Der Rest geht auf den Ramsch. Es wurde verkalkuliert und die Lager müssen wieder geleert werden für den nächsten Jahrgang. Und es wird nur schlimmer, wenn mit mehr und mehr Spielen pro Verlag gearbeitet wird. Wenn der Verlag selber die Spiele dann billig anbiedert, ist das natürlich doppelt unschön. Aber es führt auch dazu, dass Autoren vielleicht keine Lust auf den Verlag haben, wenn da keine Chance besteht wenigstens etwas Geld auch zu verdienen.
Ist das alles was Schlechtes? Ich finde noch nicht, es erscheint wie eine logische Entwicklung.
Problem der Menge
Aber einige kleine Verlage können richtig kalkulieren und schaffen es ihre quotierte Menge zu verkaufen. Lieber niedriger als höher. Lieber mit der Nachfrage nach Hause gehen und nachproduzieren, als auf einem Stapel liegen bleiben und den Verramschen zu müssen. Große Verlage müssen aber in der Breite in den Markt schießen. Jeder Karstadt, jeder Kaufhof und jeder Vedes muss das Spiel auch im Regal haben. Da wird eine Menge überproduziert.
Die großen Verlage produzieren scheinbar zum Teil soviel zu viel, dass sie es gefühlt nur noch aus dem Lager haben wollen. Es müssen also nicht unbedingt weniger Spiele sein, sondern nur geringere Auflagen. Ja der Preis würde steigen, und vielleicht würde dann der Ramsch ausbleiben.
Aber was ist mit den Spielern die schon so erzogen sind. Die nicht bereit sind mehr als 10 Euro für einen Restposten auszugeben. Welche lieber nichts kaufen als ein Spiel. Auf die kommt es vermutlich nicht an. Bringen sie dem Markt doch nicht das gewünschte Wachstum. Der Sekundärmarkt lebt auch nur noch von Spielen die deutlich älter sind als 10 Jahre.
Auf der anderen Seite sind durch diese Mengen die Möglichkeiten auf dem Markt weiter nach außen zu ziehen. Die Sprachunabhängigen Materialien, die Anleitungen die in vier Sprachen beiliegen, der Versuch das Spiel gleich in mehreren Märkten unterzubekommen, und die Produktionskosten zu senken, in dem für alle mitproduziert wird. Da aber die anderen Märkte noch nicht soweit sind bleibt viel übrig. Wir sind in der Überflussgesellschaft. Das Beispiel könnte man auch an Schuhen und Brot zeigen.
Ist das was Schlechtes? Ich finde noch nicht.
Problem des Vertriebs
Wir hatte vor etlichen Jahren eine Konsolidierung an Verlagen, F.X.Schmid ging an Ravensburger, Schmidt Spiele an Blatz, und etliche weitere Aufkäufe liefen umher. Ein ganz normaler Vorgang, den es oft genug gibt und den Norris nach dem Einkauf von Goldsieber und auch von Zoch weitertreibt. Aber das ist nicht verwunderlich und wird es bestimmt auch weiterhin geben. Aber ändert sich vielleicht was anderes?
In Amerika wird noch vieles in-Haus gemacht. Der Verlag hält sich seine eigenen Spieleautoren und -entwickler. Diese sind von sich überzeugt, dass sie das alles besser können. Sie produzieren Spiele die sie selber mögen und die sie mit viel Material auf den Markt werfen. Fantasy Flight Games hat in der Vergangenheit viele Spiele mit großem Umfang an Regeln auf den Markt geworfen, welche aber für den Eurogamer eher unter Ameritrash fallen. Es sind nicht unbedingt schlechte Spiele, aber es ist was anderes.
In Deutschland sind die Autoren schon lange outgesourced und nur noch eine Art Zulieferbetrieb für die Verlage. Die Verlage sparen sich also die festen Kosten für die Autoren und kümmern sich um Entwicklung. Produktion und Vertrieb. Nicht alle Autoren können davon Vollzeit leben, aber die Zahl der Autoren die es können ist gestiegen. Die Produktion ist eh in die Hände von anderen Firmen übergeben worden, welche eine höhere Qualität ausspucken können und auch unterstützend zur Seite stehen um die ganzen Hürden zu meistern.
Die Entwicklung wird auch mehr und mehr outgesourced. Der Verlag wird zu einem immer kleineren Betrieb. Sei es Alea, was eigentlich ein 1-Mann Verlag ist, oder auch Pegasus, welche sich genau einen 1-Mann Zulieferbetrieb leisten, welcher die Arbeit des Redakteurs macht. Die Taylorisierung macht auch hier nicht halt. Und ersichtlich wird der nächste Schritt mit einem Blick auf Heidelberger, die zum größten Teil nur noch den Vertrieb managen als hätten sie die Verlage outgesourced.
Sie bestimmen auch Auflagen und verscheuern die Reste am Ende als minderwertige Ware wie es gerade Heidelberger dieses Jahr wieder in etlichen Hallen gemacht hat. Trojes habe ich letztes Jahr noch bei Pearl gekauft und freute mich direkt das Geld an den Verlag gehen zu sehen. Wer es nicht mehr bekommen hat, freute sich, als es in den Vertrieb ging. Genau dieser hat es schon dieses Jahr in Essen für 15 € verramscht. Bestimmt nicht weil der Verlag es wollte.
Ist das was Schlechtes? Ich fange an zu grübeln, aber nicht unbedingt alles davon.
Problem der Vermarktung
Wie erreichen eigentlich die Verlage die Kunden? Die Anzeigen in der Spielbox, sind wichtig für die Spielbox um auch noch zu bestehen, aber die meisten Spieler brachen sie doch eigentlich nicht, oder? Und die Spielbox selber ist ja nicht am Kiosk, oder? Der Fachhandel führt sie, aber selbst da hat sie nicht jeder.
Früher hat man Fernsehwerbung geschaltet damit die Mama weiß, welches Spiel sie ihrem Kind kaufen soll und damit das Kind auch weiß, welches es sich wünschen soll. Heute schauen weniger Leute Fernsehen und Werbung wird gleich weggezappt. Die Jugendlichen sind im Internet unterwegs und immer mehr Erwachsene auch. Spiele sind über die alten und neuen Kanäle schwer zu vermitteln.
Aber genauso ändert sich auch das Verhalten aller Menschen in unserem täglichen Umgang. Früher waren die Zeitschriften alles was es gab. Das Internet hat mit seinem Siegeszug nicht nur die Informationsbeschaffung vereinfacht und die regulären Zeitungen vor neue Hürden gestellt, sich zu finanzieren, sondern auch das Einkaufsverhalten wurde neu geprägt.
Viele gehen heute nicht mehr zum nächsten Karstadt oder Vedes, es wird einfach im Internet bestellt, was eBay, Amazon oder andere Online-Händler so hergeben. Hier geht es nicht um Regalfläche sondern um Lagerfläche und Päckchengrößen. Auf einmal sind kleinere Schachteln besser als große. Nicht umsonst sind die Schachteln messbar kleiner geworden als größer. Das Seehofer-Prinzip ist nicht mehr entscheidend.
Und die Kunden, die im Einzelhandel kaufen gehen erleben eine Verdrängung von anderer Seite. Selbst hier ist nur ein Bruchteil der Fläche für unser Hobby. Die meiste Fläche nimmt das klassische Spielzeug ein. Actionfiguren und Barbiepuppen, Lego, Playmobil oder Matchbox. Brettspiele machen nur 10%-20% der Fläche aus. Wie entscheidend ist diese Fläche. Wäre sie noch existent, wenn es nicht das Spiel des Jahres gäbe, welches der Handel immerhin noch hinstellt. Die Jury als Retter unsere Kultur ist wohl unbestreitbar.
Und für diesen kleinen Prozentsatz soll der Verkäufer dann auch noch Mühe auf sich nehmen um den Kunden beraten zu können. Da flüchte ich als Kunde auch in den Online-Markt. Hier gibt es die Möglichkeit sich zu informieren und Seite wie die Spiele-Offensive.de arbeiten an Beratung. Schon ein Novum. Aber jegliche Beratung kann nur leisten, zu zeigen wie die Spiele sind, die man will. Es fehlt der Anstupser überhaupt ein Brettspiel zu kaufen.
Ist das was Schlechtes? Ich bin überfragt.
Problem des Marktes
Was also in meinen Augen fehlt sind neue Spieler. Woher sollen die kommen. Vom einmal im Jahr am Weihnachtstisch sitzen und das neue Spiel des Jahres ausprobieren wird es nicht kommen. Das die Eltern, die sowieso gerne mit ihren Kindern spielen, dass Hobby vertiefen ist sicher und lässt sich anhand von Kinderwagen und Wickeltischecken aber auch Schülern, welche Papa durch die Hallen ziehen auf der Messe zeigen. Aber wie werden Kinder zu Spielern, welche mit sowas nicht in Berührung kommen? Alle Probleme die wir haben lassen sich auf das fehlende Wachstum ausmachen. Es gibt jedes Jahr ein kleines bisschen mehr, aber der Markt wächst innen schneller als er von außen Spieler nachholen kann. All dies führt zu den offensichtlichen Problemen die jeder an jeder Stelle sieht.
Kann der Markt noch wachsen, oder sind es schon sinnlose Wünsche von Größenwahn? Ich denke der Markt kann noch wachsen. Die Zahl der Spieletreffs ist da und viele von denen haben noch Luft nach oben für mehr Spieler und mehr Möglichkeiten. Und diese Treffs müssen auch die Spieler ansprechen, welche neu sind. Ich weiß, dass mehr und mehr Verlage solche Treffs Unterstützen. Früher war es vielleicht nur Herne, heute sind es schon die ganzen Ali Baba Clubs demnächst kommen noch ganz andere dazu. All das sind Investitionen in die Spieler und in die, die gerne zusammen sitzen und dem Spiel frönen. Wer spielt merkt wie toll die Geselligkeit ist. Der erste Anfixer ist umsonst.
Aber auch diese Müssen Generationenübergreifend sein. Wenn die jugendlichen im Skatverein keine Lust mehr haben, weil sie immer doof angemacht werden, weil sie die falsche Karte spielen, statt dass sie erklärt bekommen, warum es falsch ist, dann sind die weg und kommen nicht wieder. Vieleicht sollte diese Entwicklung lieber gestern als morgen kommen. Wenn die Verlage die Clubs mit noch mit Werbemöglichkeiten unterstützen, dann gibt es mehr Möglichkeiten.
Ich male nicht länger mit schwarzer Kreide, sondern genieße die Spiele die ich mitgebracht habe. Und zu mir ist auch jeder gerne eingeladen zum Spielen zu kommen.
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