Ist es eine Überraschung, wenn man mit einer Überraschung gerechnet hat? Die Jury ist jedenfalls immer wieder für selbige gut und daher hat sie auch dieses Jahr dieses wieder vollbracht: Die Überraschung. Die geringe Menge an Vorhersagen zeigt auch das viele wohl keine Lust mehr hatten daneben zu tippen. Denn wirklich viele hatten in den letzten Jahren daneben getippt und auch dieses Jahr waren einige Tipps nicht so richtig. Die Nominierten: http://www.spiel-des-jahres.com/cms/front_content.php?client=1&lang=1&idcat=12&idart=1231&m=&s=
Werfen wir zuerst einen Blick auf die Kennerliste. Terra Mystica und Tzolk’in sind wie erwartet nur empfohlen worden. Sie sind einfach zu Anspruchsvoll für eine Nominierung. Da macht selbst die Jury keinen Hehl draus. Eine zusätzliche Preiskategorie für diese Spiele bedarf es auch nicht. Die Menge an Kommentaren gerade auf amerikanischen Seiten, die den Preis jedes Jahr falsch einschätzen und Tzolk’in als den Gewinner sehen wollten, zeigt nur wie sehr die Kommunikation der Jury auf dieser Seite des Atlantiks bleibt. Aber einen weltweiten Anspruch hat die Jury auch nie erhoben. Was mir fehlt ist Keyflower. Überhaupt glaube ich dass ein Jahrgang mit so vielen guten Kennerspielen, ruhig noch ein oder zwei Empfehlungen mehr verdient hätte, aber nur die Besten auf die Liste zu packen ist auf jeden Fall in Ordnung.
Was ich auch nicht gedacht hätte, ist die Tatsache, dass beide Hans im Glück-Spiele auf der Nominierungsliste gelandet sind. Für mich sind beides Spitzenspiele und verdient auf der Liste. Ich hätte jedoch erwartet, dass die Jury nur einen der beiden Titel nimmt. Auf der anderen Seite hat sich Hans im Glück speziell darum bemüht in diesem Segment auszubauen. Beide Spiele haben eine hervorragende Anleitung (nach vielen Dürre-Jahren des Verlags) und sind schnell gelernt und vor allem auch schnell gespielt. Ich dachte noch der Verlag hätte sich ein Spiel fürs nächste Jahr aufheben sollen, aber nun haben es beide verdient auf die Liste geschafft. Das damit auch nur ein Feld-Spiel auf der Liste gelandet ist, während Bora Bora und Rialto leer ausgingen zeigt, dass dies wohl auch als das Beste von den Dreien betrachtet werden darf.
Beim roten Pöppel hat es Augustus geschafft, ein Spiel, dass wir uns sehr wohl als Preisträger vorstellen können, aber es eigentlich auch wieder zu banal finden. Das liegt aber daran, dass wir Bingo banal finden. Das es dadurch für den Spieler aber einfacher wird es zu verstehen ist kein Frage. Ein gutes Spiel dieser Art zu machen ist auch eine Herausforderung. Das aber schließlich Qwixx und Hanabi beide auf der Liste stehen ist super. Beide Spiele kamen bei uns sehr gut an.
Andor ist auf der Kennerliste. Aber es ist wie ich erwartet habe mit ++ gekennzeichnet. So habe ich zwar meine Wette gegen André verloren, aber moralisch fühle ich mich als Sieger. Letztes Jahr war deutlich zu sehen, dass der rote Pöppel alle + und ++ Spiele hatte und der graue Pöppel alle +++ und ++++ Spiele. Dieses Jahr haben sie Andor trotz der ++ in die graue Liste geschoben und dafür sogar zwei +++ Spiele auf der Empfehlungsliste des roten Pöppels.
Aber von den Spielen her macht es Sinn. Unabhängig davon, das der rote, wie von der Jury betont, der Preis ist, der für alle Spiele steht, habe auch ich erschrocken festgestellt, das der Einstieg in Andor wirklich einfach ist, aber das Spiel selber sehr Anspruchsvoll. Es war ein Vielspielerspiel, welches sich als Familienspiel getarnt hatte. Escape hingegen, ist ein einfaches Spiel, wo die Regeln nur nicht allen sofort einleuchten.
Und nun kommt der eigentliche Punkt wo ich glaube, dass die Jury lange diskutiert hat und es kann am Ende sehr positiv ausgehen, denn diese Einteilung hat aber noch einen anderen Vorteil. Die Jury könnte Hanabi oder Qwixx tatsächlich zum Spiel des Jahres küren. Der Handel würde dann sich nicht alleine auf das kleine Spiel stürzen sondern auch das große Kennerspiel, besser und prominenter platzieren. Der Preis könnte einen entsprechenden Platz im Handel abbekommen und höhere Verkaufszahlen schreiben, weil der rote Pöppel als klein empfunden wird. Und der Kunde würde die Tatsache näher gebracht werden, dass es auch noch einen weiteren großen Hauptpreis gibt. Beide Spiele könnten entsprechende Verkaufszahlen vorweisen.
Das was also in den letzten Monaten an Angst rausgehauen wurde, das die Jury sich nicht traut ein kleines Spiel zum Sieger zu machen könnte genau jetzt aber passieren. Zum einen das Signal dass sie weiter für eine Überraschung gut ist, zum anderen aber auch, dass es wahrlich nicht auf die Schachtelgröße ankommt. Und schließlich, weil die Jury das nutzt um auch das Kennerspiel besser zu platzieren. Und dafür ist es auch egal, welches der drei Spiele den grauen Pöppel bekommt.
Natürlich kann am Ende auch Augustus den Hauptpreis bekommen, denn schließlich weiß die Jury selber noch nicht was gewinnt und hat für ihre Entscheidung noch knapp sieben Wochen Zeit. Aber die Jury kann bei diesen Gedankenspielen nur gewinnen. Sie hat also wieder alles richtig gemacht. Ich bin sehr glücklich mit dieser Jury und ihrer Arbeit.
Ich möchte den nominierten Autoren, Redakteuren und Verlagen meine herzlichsten Glückwünsche aussprechen. Meine Favoriten sind Hanabi und Brügge, aber jedes der sechs Spiele wäre eine gute Wahl.